Sehr verehrte Frau Kollegin,
sehr geehrter Herr Kollege,
im Namen der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde begrüße ich Sie sehr herzlich zur 98. Wissenschaftlichen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie in Baden-Baden.
Die Tagungspräsidentin, Frau Professor Dr. Angelika Stellzig-Eisenhauer, hat mit Baden-Baden einen Ort gewählt, der seit Jahrhunderten mit Fragen von Gesundheit, Kultur und gesellschaftlicher Begegnung verbunden ist. Das von ihr gewählte Motto „Aesthetics Follows Function“ greift eine Frage auf, die weit über eine formale Gegenüberstellung von Ästhetik und Funktion hinausreicht. Es berührt vielmehr das Selbstverständnis einer wissenschaftlich fundierten und zugleich patientenorientierten Kieferorthopädie. Ästhetik und Funktion sind keine voneinander unabhängigen Zielgrößen. Die Form entsteht aus biologischer Entwicklung und funktioneller Anpassung; zugleich beeinflusst die Gestaltung von Form wiederum Funktion, Wahrnehmung und Lebensqualität. Der Auftrag der Kieferorthopädie ist also umfassend und muss dentale und skelettale Strukturen, Wachstum, Funktion, Stabilität, Ästhetik und individuelle Bedürfnisse zu einem Gesamtbehandlungskonzept verbinden.
Das erste Hauptthema „Mythos Schönheit – messbar, beeinflussbar?“ stellt dabei zu Recht die Frage, mit welchen Parametern dentofaziale Ästhetik überhaupt beschrieben werden kann. Kephalo-
metrische Werte, digitale Oberflächenanalysen und mathematische Symmetriemaße können Morphologie zwar objektivieren, erfassen aber nur unvollständig, wie das Gesicht von einem Menschen selbst und von seinem sozialen Umfeld wahrgenommen wird. Ästhetische Wahrnehmung ist immer auch kulturell, biografisch und situativ geprägt. Eine kieferorthopädische Behandlung und Indikationsstellung muss sich daher immer am funktionellen Nutzen, an der gesundheitlichen Relevanz und an den realistischen Erwartungen der Patientinnen und Patienten orientieren. Dies erfordert stets eine individualisierte Therapie.
Mit dem zweiten Schwerpunkt „Future Now“ richtet die Tagung den Blick auf Künstliche Intelligenz,
3D-Technologien und Biotechnologie. Diese Entwicklungen verändern bereits heute die kiefer-
orthopädische Diagnostik, Therapieplanung, Apparaturgestaltung, Dokumentation und wissenschaftliche Auswertung. Algorithmen können große Datenmengen analysieren, digitale Modelle auswerten und klinische Entscheidungen vorbereiten. Dreidimensionale Bildgebung und Fertigungsverfahren ermöglichen individualisierte Behandlungsansätze, und biotechnologische Erkenntnisse eröffnen neue Perspektiven für das Verständnis von Wachstum, Gewebereaktion und Regeneration. Entscheidend ist am Ende, ob technischer Fortschritt und Innovation den Patientennutzen nachweisbar verbessern und Risiken vermindern. Die Verantwortung für eine kieferorthopädische Behandlung verbleibt stets bei den behandelnden Kolleginnen und Kollegen.
Aus Sicht der DGZMK ist besonders hervorzuheben, dass die Kieferorthopädie ihre zentralen Aufgaben an den Schnittstellen zu allen anderen Disziplinen der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde hat. Komplexe Fehlbildungen, Nichtanlagen, Zahntraumata, parodontale Vor-schädigungen oder kraniofaziale Wachstumsstörungen erfordern interdisziplinär abgestimmte, langfristige Behandlungskonzepte.
Im Namen der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde wünsche ich der Tagung einen erfolgreichen Verlauf, den Referentinnen und Referenten anregende Diskussionen sowie allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern neue wissenschaftliche Erkenntnisse und bereichernde kollegiale Begegnungen. Der Tagungspräsidentin, Frau Prof. Dr. Angelika Stellzig-Eisenhauer, danke ich sehr herzlich für die ausgezeichnete Konzeption eines ebenso aktuellen wie anspruchsvollen wissenschaftlichen Programms.
Mit den kollegialen Grüßen
Ihr
Prof. Dr. Dr. Peter Proff
- Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde -